Von Privateinschätzungen und Luftkalkulationen

Die schon fast als Werbeveranstaltung für das Stadtbahnprojekt anmutende halbe Seite (!) die der Mannheimer Morgen am 26.03.2010 veröffentlichte. Der "Betriebsratsvorsitzende beim Bahn Hersteller Bombardier*", wie es der MM nennt, Herr Johannes Hauber kommt hier zu Wort und stellt die Dinge aus seiner (wohl auch aus beruflichen Gründen recht einseitigen) Betrachtung dar.

Wie es der Zufall will, ist im gleichen Artikel auch der 1.Bürgermeister - Christian Specht - zur Stelle, um eventuelle Befürchtungen um Einschränkungen und Nachteile, die über das Projekt - natürlich fälschlicherweise - kursieren, zu entkräften.

Gemäss Herrn Hauber würde die Stadtbahn Nord im Bombardier* Werk ein Jahr lang 20 Ingenieuren den Arbeitsplatz sichern

Ohh..ohhh... Der Bau der Stadtbahn ist noch nicht beschlossen, nicht einmal die endgültige Trassenführung und damit der (eventuelle) Umfang liegt fest... und Herr Hauber kann schon kalkulieren, wieviel Arbeit (und damit Gewinn) für die Firma abfällt, deren Betriebsratsvorsitzender er ist ?  Das klingt entweder nach Weissagung durch Glaskugel oder nach Vorabinformationen durch RNV  bzw. Stadt Mannheim. Wie in aller Welt, will jemand einen Aufwand kalkulieren, ohne dass er eine Basis dafür hat oder z.B. über eine Ausschreibung einen genauen Umfang abschätzen kann ?  Warum ist sich Herr Hauber sicher, dass künftige Aufträge bzgl. der Stadtbahn an seine Firma vergeben werden - und nicht anderweitig ?  Und für was in aller Welt würden dort 20 Ingenieure ein ganzes Jahr brauchen ?  Die Bahnen werden garnicht in Mannheim hergestellt - denn hier ist (Herr Hauber´s Worte) eine "Ingenieurbude".  Die Bahnen kommen aus Bautzen. Wenn in Mannheim wirklich 20 Ingenieure ein Jahr lang benötigt werden, um die Bestellungen für standardisierte Stadtbahnen der Fa.Bombardier* zu bearbeiten, die anderswo gebaut werden... na dann....wirds wohl schon so sein. Ein Laie würde ob dieser Daten wohl eher auf den Gedanken kommen, dort würde man das Rad neu erfinden.

Davon abgesehen: es ist nicht Aufgabe der deutschen Steuerzahler, über Subventionen die Arbeitsplätze eines multinationalen Grossunternehmens mit Hauptsitz in Kanada zu sichern.

 

Herrn Hauber´s Meinung nach ist eine Schienenverbindung " auf jedem Fall besser als der Bus"

Sich einen Arm abnehmen zu lassen ist auch besser als gleich beide.... In langen Diskussionen mit verschiedenen Gruppen und Interessenslagen konnte uns bisher niemand einen wirklichen Vorteil einer Stadtbahntrasse darlegen.  Eine Bahntrasse ist teuer - im Bau und danach für Jahrzehnte im Unterhalt - sie ist starr, unflexibel - und "zerschneidet" optisch die Stadtteile und über mehr als ein halbes Jahrhundert gewachsene, nachbarschaftliche Wohnquartiere.  Eine Optimierung des Busverkehrs in diesen Mannheimer Gebieten ist seit Jahrzehnten überfällig und wird - engagiert betrieben - immer der Stadtbahn voraus sein.

Keine Kosten für Trassen, keine zusätzlichen Verkehrswege (Befahrung der vorhandenen Strassen), beispiellose Flexibilität (denn einen Bus könnte man eben an 7 Tagen im Zweifelsfall auch 7 verschiedene Routen durch die Vororte fahren lassen). Wenn der Bus vorbeigefahren ist, bleibt keine triste Trasse. Es bleibt genau die Strasse, die sowieso vom Individualverkehr genutzt wird - mehr nicht.

Aber man hörte von seiten RNV/Stadt Mannheim immerwährend das gleiche Argument: "das kriegen wir aber nicht bezuschusst".  Sie verstehen ? ... wir auch !        Dass Herr Hauber dieser Meinung ist, kann man sicher verstehen. Wäre er beispielsweise BR-Vorsitzender eines Fahrradherstellers, würde er warscheinlich das Fahrrad als Allheilmittel darstellen und den Rest negativ beurteilen. Es sei ihm verziehen....                                                                                                             Wenn wir ehrlich sind: jeder versucht doch "sein Schäfchen" am trockensten Platz abzustellen...    

 

Sicher ist er sich bei der Aussage "wenn die Züge einmal fahren, werden sie von den Bürgern auch akzeptiert"

Akzeptiert ist sicher die falsche Bezeichung. Ich denke "resigniert hingenommen" würde es besser treffen. Frei nach dem Motto "wenns erstmal gebaut ist, sollen sie damit klarkommen".  Das "friss-oder-stirb" Prinzip. Klingt nach " kauft mir was ab, es wird euch hinterher schon irgendwie gefallen".

 

Herr Hauber stellt im Artikel fest:  "der Schienenverkehr habe Zukunft, auch aus Klimaschutzgründen"

Da hat er aber jetzt mal wirklich recht, der Herr Hauber. Wenn ich von Mannheim nach München muss, mag der Schienenverkehr vorteilhaft sein.                            Wir reden hier aber über eine Stadtbahn, die verwinkelt durch Vororte und einen eigens zu bauenden Tunnel - weil es dafür eben jetzt noch Subventionstöpfe gibt.     Wenn erstmal der neue Kraftwerksblock in Mannheim fertiggestellt ist, werden wir uns -einmal um die halbe Erdkugel - die Kohle auf riesigen Klimakiller-Seeschiffen aus Südamerika ankarren lassen um sie dann mitten in einer bevölkerungsstarken, dicht besiedelten  "Metropolregion" abgefackeln zu können... um Strom auch für den Betrieb der Stadtbahnen zu gewinnen.  Ja, dann haben wir entscheidende Verbesserungen für unser Klima. Das ist nicht von der Hand zu weisen.

Laut Greenpeace ist die GKM mit 8 Millionen Tonnen CO2 bereits heute der zehntgrösste Luftverschmutzer Deutschlands - und mit dem geplanten Kraftwerksneubau würde die Verschmutzung noch einmal rapide zunehmen. Gut zu wissen, dass das Gesamtpaket "Stadtbahn für Bombardier" und "Kraftwerk für MVV" dann für den finanzierenden Bürger unterm Strich Klimaschutz bedeutet... (wohl aber nur, weil aus dem "Bähnle" hinten keine Abgase rauskommen ??  )      

- Quelle: Greepeace -   

 

Herr Hauber sagt: "Wenn Mannheim so eine Strecke hat, brauchen die Verkehrsbetriebe auch neue Fahrzeuge"          

Gleich darunter ist jedoch zu lesen, dass die RNV  beim "Betriebskonzept ab 2015" davon ausgeht, ohne die Anschaffung neuer Züge auszukommen

Na also, geht doch. Endlich sind wir beim Thema, um das es wirklich geht.  Warum erst so lange mit Nebensächlichkeiten aufhalten ?

Ich verstehe dies im Klartext so: Wenn Mannheim die Bahntrasse baut, kriegt Bombardier* nicht nur Arbeit davon ab sondern deren "Shareholder" eben auch ihren "value".  Mit uns kann kann man doch deutsch reden... Wir verstehen.... In einer Stadt, wo man künftig immer mehr englisch bezeichnet und hinten ein ² anhängt...

Zwei Haken hat die Sache allerdings:                                                                                                                                                                                           Haken 1: im gleichen Artikel steht, dass die RNV davon ausgeht, beim neuen Betriebskonzept bis 2015 ohne Anschaffung neuer Züge auszukommen                    Haken 2: (der grössere von Beiden): in Wirklichkeit MUSS die RNV - zumindest auf dem Papier - ohne Anschaffung neuer Züge für die Strecke auskommen - denn diese würden in die Kalkulation (nennt sich: standardisierte Bewertung) ob Subventionen möglich sind, einfliessen - und unter Umständen das Projekt als nicht förderungswürdig ausweisen. Ein klares K.O.-Kriterium.   Wenn man nun aber die Züge schon vorher kaufen würde - dann hätten sie ja (auf dem Papier zumindest) keinen Zusammenhang mit dem "förderungswürdigen" Projekt Stadtbahn Nord. Alles rein spekulativ betrachtet... natürlich.  Wenn man bedenkt, dass Stadtbahnen einen "Lebenszyklus" von etwa 30 Jahren haben.. erneuert  die RNV innerhalb so kurzer Zeit knapp 20 Prozent ihres aktuellen Bahnenbestands mit der Bestellung von 19 (!) neuen Bahnen für knapp 70 Mio. Euro ?  Und zufällig (Zufälle gibts zuhauf auf dieser Webseite) werden diese Bahnen bis etwa August 2010 ausgeliefert. Trifft sich (schon wieder ein Zufall) genau mit dem Auslaufen des "Forums Stadtbahn" und der Beantragung der Fördermittel. Natürlich... das ist sicherlich wirklich reiner Zufall, denn die Daten zur Beantragung der Fördermittel erscheinen mir - wie soll ich es nennen  - recht kreativ. 

Also: unterm Strich kein Grund zum Schwarzsehen für Herrn Hauber - die Geschäfte laufen doch bestens. 19 Bähnchen... knapp 70Mio.€ 

Na, wenn das nichts ist !   Spielt doch keine Rolle, wo die hinterher eingesetzt werden....

 

 

Da der Mannheim Morgen uns nicht genehmigt hat, die Originalartikel hier gescannt zur Verfügung zu stellen, können wir leider nur einen Link zu der sehr stark vereinfachten "Kurzmeldung"  im Morgenweb verlinken. Bitte haben sie dafür Verständnis.     ---- hier gehts zum Beitrag ----

 

 

 

* Bombardier ist ein eingetragenes Warenzeichen der Bombardier Inc.

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